Jan 2019 10

Teilnahmepflicht wird zur Handball-Saison 2019/20 aufgehoben – vielen Mannschaften fehlt der richtige Anreiz

Marten Franke, aktuell verletzter Spielertrainer des Männer-Oberligisten HC Bremen ist wie viele andere Trainer über die Modifikation froh. „Bei uns war mit Ausnahme des vergangenen Jahres zunehmend zu spüren, dass niemand so richtig Lust hatte, den Pokal zu spielen. Bei dünnen Kadern ist er bezogen auf die Punktspiele sogar eine Belastung, weil sich die ausgeschiedene Ligakonkurrenz in dieser Zeit regenerieren kann.“

Corinna Wannmacher, Trainerin der Oberliga Frauen der SG Findorff ergänzt: „Man schlägt sich in der Halle ein ganzes Wochenende um die Ohren und buttert jedes Mal noch Geld rein.“ Ganz zu schweigen davon, dass einige Klubs lediglich eine unterklassige Vertretung oder eine erstärkte A-Jugend ins Rennen geschickt hatten, um die satte Geldstrafe für einen Nichtantritt zu umgehen. Das führte zu sportlich absurden Spielen, in denen sich die Gegner an absichtlicher Harmlosigkeit überboten.

„Dadurch, dass der Pokal von einigen Mannschaften nur als Pflichtveranstaltung wahrgenommen wurde, hat das den Wettbewerb abgewertet“, sagt Lars Röwer, Trainer der Habenhauser Oberliga-Frauen. „Und ein Weiterkommen ist für einen Landesligisten auch nicht wirklich attraktiv“, meint Arstens Frauen-Trainer Torsten Uhlenberg. „Ein spielfreies Wochenende im Oktober ist den meisten Spielerinnen wichtiger, als einen ganzen Sonntag auswärts in irgendeiner fremden Halle zu verbringen.“

Tatsächlich winkte den Finalrundenteilnehmern im Landespokal früher hier und da auch einmal das große Los im weiterführenden DHB-Pokal. Vorausgesetzt, dass man dort die erste Runde überstand. Highlights waren die Heimspiele der Habenhauser Männer 2004 gegen den Bundesligisten THW Kiel (24:42) und 2008 gegen den Zweitligisten SV Anhalt Bernburg (30:37). 1992 warfen die Blau-Weißen zu Hause sogar den Erstligisten Empor Rostock mit 36:31 nach Verlängerung aus dem DHB-Pokal, danach verwehrte ihnen der Zweitligist SV Post Schwerin den erhofften Achtelfinaleinzug (25:27).

Foto: Olaf Kowalzik

Nach der Umstrukturierung des DHB-Pokals wurde dem ein Riegel vorgeschoben: die Erst-, Zweit- und ein Teil der Drittligisten schotteten bleiben unter sich, worunter auch die Attraktivität des Landespokals litt. Diese Neuorientierung nahm den Landespokalsiegern die Chance auf einen Topgegner, außerdem wurden die Pokalwettbewerbe im BHV und HVN zusammengelegt und wegen sinkender Teilnehmerzahlen mit einer Zwangsteilnahme versehen.

Die Habenhauser Männer haben sich vor gut zwei Wochen im Teilnehmerfeld von 132 Teams zum Verbandspokalsieg Niedersachsen/Bremen geworfen, die Chance auf einen Bundesligisten bekommen sie aber nicht. Sie spielen im Achtelfinale des bundesweiten DHB-Amateurpokals weiter, bei dem sie auf die Pokalsieger der anderen Landesverbände treffen – allesamt auf Oberliga-Niveau. Für viele Teilnehmer im Verbandspokal stellt das keinen Anreiz mehr dar und ist obendrein kostspielig. Letzteres war für die Oberliga Männer des HC Bremen der Grund, weshalb sie als Landespokalsieger 2017 auf ein Weiterspielen verzichteten. Es müssen in diesem Pokal weitere Strecken zurückgelegt werden „und man trifft dort kaum auf große Namen, was zu höheren Kosten führt. Das ist kein attraktiver Preis“, sagt Marten Franke.

„Wir haben nun die Chance, bis ins Amateur-­Pokalfinale einzuziehen. Mit dem Endspiel in der Hamburger Barcleycardarena vor dem Final Four der Bundesligisten“, sieht ATSV-Trainer Matthias Ruckh das als lohnendes Ziel an. Es wäre ein Titelersatz für den praktisch schon verspielten Wiederaufstieg in die dritte Liga. Das erweiterte Präsidium des HVN, zu dem auch Vertreter des Bremer Handballverbandes gehören, hatte darüber nachgedacht, den Landespokal ganz abzuschaffen, das aber nach einer gemeinsamen Beratung verworfen. In welcher Form er jedoch künftig nach dem Wegfall der Zwangsteilnahme ausgetragen werden soll, darüber müssen der Spielausschuss und das Präsidium noch beraten. „Ich finde es erst einmal positiv, dass sich die Präsidien der Handballverbände mit diesem Thema endlich auseinandergesetzt haben“, lobt Philipp Grieme, Trainer des ATSV Habenhausen II in der Verbandsliga Männer, und trifft damit auf die Zustimmung der anderen Trainer in dieser nicht repräsentativen Umfrage. Trotzdem besteht die Gefahr, dass sich der Pokal über kurz oder lang mit immer weniger Mannschaftsmeldungen selbst abschaffen wird.

„Wir werden weiterhin dort spielen und uns auf diesem Niveau zusätzlich zu den Punktspielen messen“, betont Radek Lewicki, Trainer von Werder Bremens Oberliga-Frauen. „Die freiwillige Teilnahme ändert nichts an der Attraktivität: es fehlt der richtige Anreiz“, gibt Corinna Wannmacher zu bedenken. „Wenn weniger melden, dann könnte der Turniermodus vielleicht wieder entfallen“, hofft Lars Röwer auf die Wende zum Guten. „Dadurch werden die Spiele umkämpfter und der Wettbewerb eventuell wieder attraktiver“, glaubt Marten Franke. „Der Pokal ist eine schöne Sache, man muss nur noch die richtige Lösung finden und vielleicht andere Anreize setzen“, meint Matthias Ruckh.

Letztendlich sind für das Gelingen eines guten Pokalwettbewerbs aber nicht nur die beiden Verbände, sondern auch die Vereine und Mannschaften selbst verantwortlich.

Geschrieben von Olaf Kowalzik, veröffentlicht im Weser Kurier am 10.01.2019.


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