Aufbruch in eine neue Zeit

Der ATSV Habenhausen freut sich im DHB-Pokal auf Burgdorf – und bastelt an einer erfolgreichen Zukunft

ATSV-Trainer Matthias RuckhDie Stunde des bislang größten bundesweiten Triumphes in der Geschichte des ATSV Habenhausen: Die Oberliga-Handballer gewinnen Ende April den deutschen Amateurpokal-Wettbewerb und qualifizieren sich damit für die erste Runde des DHB-Pokals. Björn Wähmann präsentiert seinen jubelnden Mannschaftskameraden die Siegertrophäe. ATSV-TRAINER MATTHIAS RUCKH
Bremen. Matthias Ruckh wäre wohl ein schlechter Trainer, wenn er vor dem Spiel des Jahres seiner Mannschaft übers Verlieren sprechen würde. Natürlich weiß auch der 37-Jährige, dass der viertklassige Handball-Oberligist ATSV Habenhausen in der 1. Runde des deutschen Pokalwettbewerbs gegen den erstklassigen Bundesligisten TSV Hannover-Burgdorf am Sonnabend um 19 Uhr in der ÖVB-Arena nicht einmal eine Außenseiterchance besitzt. Also spricht der ATSV-Coach viel lieber darüber, wie es in dieser Woche im Training in seinem Team geknistert hat. Fast noch interessanter ist, dass die Habenhauser in drei Jahren im oberen Tabellendrittel der 3. Liga stehen möchten.

„Eigentlich haben die Spieler zu diesem Zeitpunkt der Vorbereitung keinen Bock mehr aufeinander“, sagt Matthias Ruckh. Aber wenn sich eine waschechte Amateurmannschaft in einem nationalen Wettbewerb mit einem ambitionierten Profiteam messen darf, verdrängt die Vorfreude auf dieses große Ereignis den Frust über eine zuweilen quälende Saisonvorbereitung. Eigentlich sind die Bremer noch gar nicht so weit, um ein Pflichtspiel zu bestreiten – ihr Timing ist vielmehr auf den eigenen Punktspielstart am 6. September gerichtet. Wegen des Pokals sind die Habenhauser ein bisschen früher als geplant in die Halle gegangen. „Wir müssen ja auch fangen und werfen können“, sagt der Trainer und lacht.

Bei aller Aussichtslosigkeit auf einen Sieg nimmt Matthias Ruckh die Partie gegen Burgdorf sehr ernst. Am Mittwoch bat er seine Schützlinge zum Videoabend. Gezeigt wurden Sequenzen des Spiels Burgdorf gegen Frisch Auf Göppingen am vergangenen Sonntag, aufgenommen im Rahmen des Dextra-FM-Cups ebenfalls in Bremen. „Wir wollen es dem Gegner nicht zu einfach machen“, sagt Ruckh. Die Stimmung im Team sei jedenfalls hervorragend. Und am Sonntagnachmittag wird der ATSV auf jeden Fall in der Halle sein, wenn die beiden Sieger der Sonnabend-Begegnungen – schon um 16 Uhr treten TuSEM Essen und der 1. VfL Potsdam an – um den Einzug ins Pokal-Achtelfinale auflaufen.

Höchstwahrscheinlich werden die Habenhauser am Tag des Endspiels auf der Tribüne sitzen. Das macht aber gar nichts. Erstens ist das Duell mit Burgdorf die Belohnung für die grandiose vergangene Saison mit dem Höhepunkt in Hamburg, dem Triumph im Amateurpokal. Und zweitens blicken die Bremer sowieso weit über den kommenden Sonnabend hinaus. Ihr Ziel: das Erreichen der 3. Liga, um sich dort zu etablieren – erst einmal. „Über die Zeit nach 2022 sprechen wir jetzt noch nicht“, sagt Thomas Hasselmann. Der 49-Jährige ist seit 2018 Teammanager beim ATSV und neben Matthias Ruckh sowie Marc Fröhlich und Frank Meier einer der Antriebsmotoren für den Aufschwung.

Hasselmann betont, dass im Rahmen des Drei-Jahres-Plans der Drittliga-Aufstieg für 2020 kein Muss ist. Wichtig sei, dass die Strukturen geschaffen werden, um das lästige Fahrstuhlimage des Vereins abzulegen. Bisher stieg der ATSV stets nach einjährigem Gastspiel in der 3. Liga wieder ab. „Diese Liga ist monetär ein anderes Level als die Oberliga“, sagt Hasselmann. Eine wichtige Voraussetzung für die dauerhafte Etablierung in höheren Ligen hat der ATSV schon vor Jahren mit der Gründung der Habenhauser Sportmarketing GmbH geschaffen, die unter Führung von Marc Fröhlich das Umfeld der ersten Männermannschaft bestellt.

Wie so ein Umfeld aussehen muss, hat Thomas Hasselmann aus zwei verschiedenen Perspektiven kennengelernt. Er verfügt über Management-Erfahrung bei Werders Handballerinnen und bei der A-Jugend des HC Bremen und weiß als selbstständiger Versicherungskaufmann, was Unternehmern heutzutage wichtig ist. „Die wollen Geschäfte tätigen und neue Leute kennenlernen“, sagt Hasselmann. Das Aufhängen eines Werbebanners in der Halle und das Foto im Spieltagsheft reichen vielen nicht mehr. „Das motiviert nicht mehr, deshalb müssen wir weg vom klassischen Denken.“

Auch im Sport hat das Netzwerken an Bedeutung gewonnen. Die Habenhauser haben darauf reagiert: Sie treffen sich regelmäßig mit ihren Sponsoren, um sich auszutauschen und um mit ihnen zusammen Ideen und Konzepte zu entwickeln. „Der Unternehmerkreis ist ein Prozess, der mit Leben gefüllt werden muss“, sagt Hasselmann. Beim ATSV funktioniere das gut – auch deshalb, weil Sponsoren dem ATSV eine Dienstleistung liefern, die sie auch im Alltag vorhalten. So könnten beispielsweise Autohäuser ein Fahrzeug oder Fitnessstudios Trainingsleistungen anbieten. „Wir wollen hier in Ruhe etwas wachsen lassen“, sagt Thomas Hasselmann. Mit weiteren potenziellen Sponsoren stehe er in Kontakt. Und er ist zuversichtlich, dass der ATSV 2022 in der 3. Liga unter den besten sechs Teams stehen wird. Ob danach sogar mehr möglich ist, zeige sich vielleicht schon in einem Jahr.

Die 1. Runde im DHB-Pokalder Männer wird am kommenden Wochenende deutschlandweit in 16 Gruppen mit jeweils vier Teams ausgespielt – acht im Norden und acht im Süden. Über den Favoriten der Nord-Gruppe 2, die in der Bremer ÖVB-Arena antritt, gibt es keinen Zweifel: TSV Hannover-Burgdorf. Der mit etlichen Nationalspielern gespickte Bundesligist trifft am Sonnabend in der zweiten Partie des Tages um 19 Uhr auf den Bremer Oberligisten ATSV Habenhausen, der sich als amtierender deutscher Amateurpokalsieger qualifizieren konnte. Schon um 16 Uhr spielen Zweitligist TuSEM Essen und Drittligist 1. VfL Potsdam. Die Sieger bestreiten am Sonntag um 15 Uhr an gleicher Stätte das Finale, der Gewinner zieht ins Achtelfinale ein. Karten, die für beide Tage gelten, gibt es zum Preis von 17 bis 29 Euro noch bis Freitag über die Homepage des ATSV Habenhausen (www.atsvhabenhausen.de) oder am Sonnabend an der Tageskasse. Die Habenhauser hoffen auf 1500 Zuschauer.

„Die wollen Geschäfte tätigen und neue Leute kennenlernen.“ Thomas Hasselmann über Sponsorenziele

geschrieben von Jörg Niemeyer, veröffnetlicht im Weser Kurier am 16.08.2019