Die große Show des Außenseiters

Viertligist ATSV Habenhausen zeigt beim 25:42 gegen den Erstligisten Burgdorf im DHB-Pokal eine überragende Vorstellung

Bremen. Ein Pfiff der Schiedsrichter – und auf einmal reißen die Spieler des ATSV Habenhausen und Trainer Matthias Ruckh ihre Arme hoch in Richtung Decke der ÖVB-Arena. So, als hätten sie gerade den größten Sieg ihrer Karriere eingefahren. Von der Tribüne brandet ein Jubelorkan der 1067 Zuschauer auf. Was ist passiert in dieser 19. Spielminute des eigentlich doch so ungleichen Duells in der 1. Runde des deutschen Handball-Pokals? Etwas Großartiges aus Sicht der Bremer, denn der Coach der TSV Hannover-Burgdorf, Carlos Ortega, legt die Grüne Karte auf den Zeitnehmertisch und beantragt eine Auszeit. Es läuft nicht für den Favoriten aus der Bundesliga, der mit so viel Widerstand des Oberligisten nicht gerechnet hatte – und ehrlich gesagt, eigentlich auch nicht rechnen konnte.

In dieser 19. Minute hatte Mirco Wähmann für den krassen Außenseiter per Siebenmeter zum 5:7 getroffen. Kaum jemand hätte gedacht, dass der ATSV so gut mithalten würde. Aber Matthias Ruckh, der Schlaufuchs auf der Habenhauser Bank, hatte vor dem Anpfiff gesagt: „Wir wollen Burgdorf ärgern, sie sollen uns wahrnehmen – und das Größte für uns wäre, wenn sie eine Auszeit nehmen würden.“ Eine Auszeit ist im Handball oft das Zeichen von Unzufriedenheit – die Gäste-Trainerbank hatte allen Grund dazu.

Bis zur neunten Minute, bis zum 5:0 für die Gäste, läuft noch alles nach Plan, wobei Habenhausens starker Torwart Daniel Sommerfeld mit seinen Paraden sogar noch Schlimmeres verhindert hat. Aber dann bäumt sich der ATSV auf. Per Siebenmeter trifft Mirco Wähmann zum 1:5 – endlich der erste Treffer, die Fans freuen sich wie Bolle. Dann serviert der immer besser werdende halblinke Angreifer Lukas Feller seinem Rechtsaußen Felix Meier einen Zuckerpass, den er zum 2:5 nutzt. „Wir sind wieder dran“, tönt der Hallensprecher – nicht ahnend, was sich in den folgenden Minuten ereignen soll. Als erneut Felix Meier in der 15. Minute zum 3:5 trifft, tobt die Halle. „Da waren’s nur noch zwei“, flachst der Hallensprecher.

Es war nicht etwa Glück, schon gar nicht waren es Geschenke, die die Habenhauser auf Tuchfühlung am hohen Favoriten dranließen. Nein, die Mannschaft präsentierte sich genauso, wie es Teammanager Thomas Hasselmann und Trainer Ruckh sich gewünscht hatten. Bissig in der Abwehr und frech, aber durchaus clever und mit viel Übersicht im Angriff, wo Lukas Feller von den Gästen überhaupt nicht mehr eingefangen werden konnte. Vier Tore markierte der Mann mit der Rückennummer 34 bis zur Pause – das war spitze. Sensationell war, dass die Gastgeber nach der Auszeit und 8:13-Rückstand bis zum Wechsel wieder auf 14:17 herankamen. „Ich wollte nur umsetzen, was Matthias uns vorher gesagt hatte: Geht ohne Angst auf die Lücken“, sagte Feller. „Es war ein tolles Gefühl, vor so einer Kulisse gegen so einen Gegner zu spielen.“ Der Oberligist – vielleicht war das beim letztlich klaren 25:42 (14:17) die eigentliche Überraschung des Abends – präsentierte sich bis in die Schlussphase hinein in körperlicher Topfassung. Zwar hatte der Bundesligist zu Beginn der zweiten Halbzeit aufgedreht – vermutlich als Folge eines Donnerwetters, das sich im Gesicht von Trainer Ortega beim Pausengang abgezeichnet hatte und das er nach Spielschluss auch bestätigte.

Aber trotz größer werdenden Rückstands, für den vor allem der wieselflinke Nationalspieler Timo Kastening mit seinen zehn Toren sorgte, rackerte der ATSV weiter. Schon in der 43. Minute erzielte der ATSV beim 20:31 seinen 20. Treffer – Matthias Ruckh wäre zufrieden gewesen, wenn die am Ende zusammengekommen wären. Dass sein Team die zweite Marke des Coaches – „Weniger als 40 Gegentore“ – nicht erfüllte, tat nicht weh. Und hatte ja auch einen simplen Grund. „Mit der Mannschaft, die uns zu Beginn der zweiten Halbzeit gegenüberstand, hätte Burgdorf auch gegen den THW Kiel gespielt“, sagte Trainer Ruckh nach dem Abpfiff. Und er war, völlig zu recht, mächtig stolz auf seine Jungs. „Unglaublich, dass wir nach dem schnellen 0:5 so wieder zurückgekommen sind“, sagte der 37-Jährige. Unglaublich, aber wahr!

Was hatten die Habenhauser nur in ihre Getränke bekommen, als sie sich nachmittags zur Einstimmung noch auf einen Spaziergang und Einkehr ins Café „Emma am See“ im Bürgerpark aufgemacht hatten? Wie es der Trainer versprochen hatte, agierte die komplette Mannschaft abends aufgezogen und sehr fokussiert. Entsprechend euphorisch wurden sie nach den 60 Minuten von den begeisterten Fans gefeiert. Abgekämpft, aber mit zufriedenen Gesichtern und keineswegs auf der letzten Rille laufend, klatschten die Pokalhelden dem Publikum Beifall – und umgekehrt. Der Weg des ATSV zurück in die 3. Liga ist in dieser Form mehr als ein loses Versprechen.

ATSV: Sommerfeld, D. Steffens; B. Wähmann (3/1), Fischer (1), Feller (5), Steghofer (3/3), Ahrens (1), Müller, M. Wähmann (4/2), J. Schluroff (1), Marien (1), Rojahn (1), Wessels, Ruthke, Meier (2), Hintke (3), L. Schluroff, E. Steffens.

Burgdorf: Ebner (2), Lesjak; Ugalde (2), Patrail (3), Feise, Cehte (2), Kastening (10/3), Böhm, Thiele (2), Pevnov, Brozovic (1), Martinovic (3), Büchner (5), Krone (5), Hamme (6), Donker.

Finale mit Essen und Hannover

Wie groß im Handballder Leistungsunterschied zwischen den Spielklassen ist, bekam im ersten Halbfinalspiel der Bremer DHB-Pokalgruppe der VfL Potsdam aus der 3. Liga zu spüren: Die Mannschaft stand gegen den Zweitligisten TuSEM Essen auf verlorenem Posten und zog klar mit 21:34 den Kürzeren. Damit kommt es an diesem Sonntag um 15 Uhr in der ÖVB-Arena zum erwarteten Finale zwischen Essen und der TSV Hannover-Burgdorf. Für den Erstligisten ist der Einzug ins Achtelfinale des DHB-Pokals Pflicht, wie der Sportliche Leiter Sven-Sören Christoph­ersen sagte, eine Niederlage wäre eine Sen­sation.

Geschrieben von Jörg Niemeyer, veröffentlicht im Weser Kurier am 18.08.2019