Das große Ziel: Nie wieder Oberliga

Aufstieg in die 3. Handball-Liga

Sie wollen ihr lästiges Image endlich ablegen. Aufstieg und gleich wieder der Abstieg: Das soll es beim ATSV Habenhausen nicht mehr geben. Und so verstärken sich die Handballer für die 3. Liga wie nie zuvor.

Mirco Wähmann, hier im DHB-Pokalspiel gegen die TSV Hannover-Burgdorf im August 2019, hat beim ATSV Habenhausen in der vergangenen Woche als 14. Spieler des bisherigen Kaders einen neuen Vertrag unterschrieben.

„Wir hatten andere Dinge geplant“, sagt Thomas Hasselmann. Zum Beispiel ein Wellness-Wochenende Mitte Mai in Köln. Und die Mallorca-Sause, die die Mannschaft Ende Mai ohne Trainer Matthias Ruckh und Teammanager Thomas Hasselmann in Angriff nehmen wollte. Beides gestrichen. Statt große Partys zu veranstalten, konnten Spieler und Verantwortliche des Handball-Oberligisten ATSV Habenhausen per Videochat nur virtuell auf den Drittliga-Aufstieg anstoßen. Mit einer Flasche Bier in der einen und dem Handy in der anderen Hand. Wenigstens das.

Trainer der 1.Herren Handball Matthias Ruckh

„Mannschaftsfahrten fallen flach, so ist das halt“, kommentiert ein ungewohnt aussehender Matthias Ruckh die Sache nüchtern. Der 38-Jährige hat, wie für den Fall des Aufstiegs versprochen, seinen langen Vollbart geopfert. Ohne Corona wäre diese Zeremonie vermutlich ein großer Spaß für alle geworden. Auch für die Fans, die ihrem Jubel nur in den Sozialen Medien freien Lauf lassen konnten. Augenblicklich herrschen eben besondere Zeiten. „Wie wir mit unseren Fans den Aufstieg noch feiern werden, wird man sehen“, sagt Matthias Ruckh. „Erst mal muss der Normalbetrieb wieder hergestellt sein“, sagt Thomas Hasselmann.

Wie gut aus Sicht des ATSV, dass ihm nach Abbruch der Saison und der anschließenden Entscheidung der Handball-Verbände der sportliche Erfolg zuteil geworden ist. Logischerweise ist die Stimmungslage beim punktgleichen Oberliga-Konkurrenten TV Cloppenburg eine ganz andere. Er hatte die Tabelle lange Zeit souverän angeführt, geriet im Winter jedoch ins Straucheln und gab überraschend einige Punkte ab. Macht nichts, dachte jeder, sind ja noch ein paar Partien, darunter das Duell mit Habenhausen – möglicherweise vor 2000 Zuschauern, wie Maik Niehaus sagt und bedauert, dass seinem Klub sowohl erhebliche Einnahmen als auch die sportliche Chance entgangen sind.

Der Geschäftsführer der TV Cloppenburg Spielbetriebs- und Marketinggesellschaft lässt derzeit durch einen Rechtsanwalt klären, ob auch der TVC das Aufstiegsrecht noch erhalten kann. „Es geht nicht darum, es dem ATSV Habenhausen abzusprechen“, sagt Niehaus, „aber wir haben eine genau so gute Saison gespielt wie die Bremer und halten es daher für sportlich fairer, wenn beide Teams aufsteigen würden.“ Ein Schreiben mit dem Ersuchen des TVC liege dem Handball-Verband Niedersachsen bereits vor, eine Antwort darauf stehe aber noch aus.

Derzeit steht der TV Cloppenburg also wegen der Niederlage in Habenhausen im Hinspiel, dem sogenannten direkten Vergleich, mit leeren Händen da. Im Gegensatz zum ATSV, der nach seinen bisherigen drei Drittliga-Aufstiegen (2013, 2015, 2017) und den jeweils prompt folgenden Abstiegen in der Saison 2020/21 nun endlich das Image einer Fahrstuhlmannschaft ablegen möchte. Sein Motto, sehnsuchtsvoll ausgedrückt per Hashtag, lautet daher wenig überraschend und doch selbstironisch-originell: #derfahrstuhlistkaputt. Dem anzufügen wären vielleicht noch vier Worte: „… zumindest der nach unten“. Denn perspektivisch, so haben es Thomas Hasselmann und Matthias Ruckh immer wieder durchblicken lassen, dürfe der Weg für den ATSV irgendwann auch gern in die 2. Bundesliga führen.

Zunächst jedoch arbeitet der Klub mit den Sponsoren aus seinem sogenannten „Rückraum-Team“ daran, die 3. Liga zu halten. Keiner im ATSV-Lager begeht den Fehler, die Bodenhaftung zu verlieren. So wenig von Euphorie getragen, wie der Aufstieg aufgrund der Corona-Not zustande kam, so wenig von Euphorie gesteuert präsentieren sich die Verantwortlichen derzeit. Akribisch statt euphorisch: So lässt sich beschreiben, wie die Habenhauser die Planung ihrer Zukunft angehen. Die werde in der 3. Liga, so die Kalkulation des Managers, etwa 75 000 Euro teurer werden als in der Oberliga.

Teammanager Thomas Hasselmann (Michael Lotz)

Während die Vereine deutschlandweit auf die Öffnung der Sporthallen und -plätze warten, läuft der Betrieb hinter den Kulissen weiter. In gewisser Weise hat er, für Thomas Hasselmann durchaus überraschend, wegen der Corona-Krise sogar an Fahrt aufgenommen. Nachdem in der vorletzten Woche der Aufstieg des ATSV verkündet worden war, meldeten sich beim Manager diverse Spielerberater. Denn zu den negativen Folgen der Pandemie gehört auch die, dass einige hochklassige Vereine wegen aktueller finanzieller Schieflage längst abgemachte Spielertransfers nicht mehr umsetzen können. Der Markt hat sich also gefüllt.

Thomas Hasselmann vermeldet zwar keinen Vollzug von Verpflichtungen, bestätigt aber hochinteressante Gespräche mit weiteren Kandidaten für den ATSV-Kader. Klar ist: Mit dem 21-jährigen Kroaten Martin Vulic hat der Klub Anfang April gerade seinen Wunschspieler für drei Jahre an sich binden können. Und seit Mitte vergangener Woche ist auch klar, dass mit Ausnahme von Hauke Marien, der aus beruflichen Gründen kürzer treten wird, und Bjarne Ruthke – er spielt künftig in der zweiten ATSV-Mannschaft – alle Aufstiegsspieler neue Verträge bekommen haben. „Wir haben damit bereits einen 15-Mann-Kader“, sagt Matthias Ruckh zufrieden, „da kann ich jetzt ganz in Ruhe nach vorne schauen.“

Die Habenhauser wollen noch zwei bis drei weitere Akteure verpflichten. Am liebsten würden sie mit 18 Mann in die neue Spielzeit gehen. Eine Baustelle der vergangenen Jahre und damit einer der Hauptgründe für den sofortigen Abstieg aus der 3. Liga sei stets der zu kleine Kader gewesen, sagt der Trainer, der damals noch gar nicht auf der ATSV-Bank saß. Derzeit liefen etliche Gespräche mit Kandidaten. Gut möglich sei, sagt Thomas Hasselmann, dass „wir noch zwei Spieler bekommen, die uns nicht nur ergänzen, sondern sogar besser machen würden“. Der Markt sei jedenfalls gerade sehr spannend.

Neben der Gestaltung der neuen Mannschaft scheint es in Habenhausen noch eine zweite spannende Entwicklung zu geben. Thomas Hasselmann bestätigt, dass es im ATSV Habenhausen Überlegungen gebe, eine neue Sporthalle zu bauen. Spruchreif sei noch nichts, aber an einem Konzept werde gerade gearbeitet. Und am Ende soll es, so die Hoffnung, zu einer erwünschten neuen Baustelle des Vereins führen. Die derzeitige Spielstätte, die Hinni-Schwenker-Halle am Bunnsackerweg, erfüllt mit maximal 450 bis 500 Zuschauerplätzen auch nicht gerade die Rahmenbedingungen, die ein aufstrebender Drittligist benötigt.

Zur Sache

Training bis Anfang Mai

Am 2. Mai hätte der ATSV Habenhausen in der Oberliga Nordsee sein letztes Saisonspiel bestreiten sollen. Daraus wird wegen der Corona-Krise nichts. Und dennoch läuft der Sportbetrieb beim Drittliga-Aufsteiger wie geplant bis zu diesem Termin weiter. „Die Spieler haben ihren individuellen Plan, bis Anfang Mai trainieren sie weiter“, sagt Trainer Matthias Ruckh. Danach werde, ebenfalls wie ursprünglich geplant, eine Pause bis zum 6. Juni eingelegt. Was danach kommt, wird allerdings wieder maßgeblich von der Entwicklung der Corona-Pandemie abhängen. Der Habenhauser Coach hofft jedoch, dass er Anfang Juni mit seinen Spielern die Vorbereitung auf die Saison in der 3. Liga beginnen kann. 

Veröffentlicht im Sportteil des Weser Kurier am 19.April 2020. Geschrieben von Jörg Niemeyer