Eine schwere Verletzung als Chance

Wie der Spielmacher des Handball-Drittligisten ATSV Habenhausen, Bjarne Budelmann, aus dem ersten Rückschlag seiner Karriere positive Kraft gewinnt. Der 20-Jährige hat als Ziel weiter die Bundesliga vor Augen.

Das Ecksofa im heimischen Wohnzimmer als Trainingsstätte: Das hätte sich Bjarne Budelmann vor Kurzem nicht träumen lassen. Doch im Bruchteil einer Sekunde kann es passieren: Eine falsche Bewegung – und plötzlich ist die Saison beendet. „Jetzt weiß ich, wie schnell du im Sport aus der Bahn geworfen werden kannst“, sagt der 20-Jährige. Noch nie sei er ernsthaft verletzt gewesen, nun erwischte es ihn mit dem Riss des vorderen Kreuzbandes besonders schwer.

Mag der Schmerz allein für Bjarne Budelmann zu spüren sein: Die Folgen der Verletzung betreffen auch andere. Der ATSV Habenhausen muss in der 3. Handball-Liga ohne seinen Spielmacher auskommen, der Arbeitgeber Emigholz ohne seinen Auszubildenden zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Erst im August hatte der Handballer in der Firma angefangen – und jetzt schon die ungewollte Auszeit. „Ich will so schnell wie möglich wieder arbeiten“, sagt Budelmann. Wenn er seiner Mannschaft in absehbarer Zeit schon nicht helfen kann, so will er das wenigstens am Arbeitsplatz tun.

Doch aktuell braucht Bjarne Budelmann an einen Wiedereinstieg nicht zu denken. Immerhin darf er – mithilfe seines medizinischen Geräts auf dem Sofa – sein Bein wieder strecken und leicht beugen. Automatik ist dabei angesagt. Die eigenen Muskeln darf er noch nicht einsetzen. Oder, besser gesagt, das, was von den Muskeln in seinem rechten Bein noch da ist. „Erschreckend, wie schnell die Muskulatur abbaut.“ Etwa vier Kilogramm Gewicht habe er durch die erzwungene Untätigkeit in den vergangenen Wochen verloren, sagt er mit Blick auf seinen dünner gewordenen Oberschenkel.

Normalerweise wiege er bei 1,76 Metern Körperlänge um die 82 Kilo. Diese Maße dürften keinen idealen Body-Mass-Index ergeben. Müssen sie auch nicht. Bjarne Budelmann ist kein Model, sondern Handballer. Er ist schlank, aber kräftig. Das jahrelange Krafttraining, das er bereits zu Bundesliga-Zeiten mit der A-Jugend des HC Bremen regelmäßig absolvierte, hinterlässt sichtbare Spuren. Wäre der für einen Rückraumspieler eher klein gewachsene Handballer körperlich nicht so stark, hätte er wohl kaum so gut Fuß gefasst im Herrenbereich. Der Mittelmann des ATSV Habenhausen gehört trotz seiner Jugend zu den torgefährlichsten Spielern seines Teams. Weil er schnell ist und einen harten Schlagwurf hat. „Sprungwürfe versuche ich erst gar nicht“, sagt er und lacht. Angesichts der Riesen, denen er auf seiner Position meistens in der gegnerischen Abwehr begegnet, wären die kaum erfolgreich.

Bislang hat Bjarne Budelmann von seiner Schnelligkeit, seinem guten Auge und seiner Wurfkraft profitiert. „Bei allem besteht noch die Chance zur Verbesserung“, sagt er bescheiden. Aber einen Start in den Erwachsenenbereich, wie er ihn gezeigt hat, muss ein junger Mann erst mal hinbekommen. Erst recht in Zeiten von Corona. Budelmann entwuchs im Frühjahr 2020 der Jugend, als die Pandemie ausbrach. Er wechselte zum ATSV, als Sport wie vieles andere gerade auf der Verbotsliste stand. Als im Herbst ein paar Drittliga-Spiele stattfanden, überzeugte der 19-Jährige auf Anhieb. Er wurde sofort zum Leistungsträger und ließ erkennen, warum er von einer Karriere als Handball-Profi träumt.

Als im Spätsommer 2021 die neue Saison begann, war Bjarne Budelmann aus der Mannschaft gar nicht mehr wegzudenken. Und plötzlich war er doch weg, als am 9. Oktober im Spiel beim TV Cloppenburg sein Kreuzband riss. Kurios dabei: Weder er noch die Ärzte wissen, wann genau es passiert ist. „Schon in der ersten Halbzeit hatte ich bei einem Stoppmanöver aus vollem Sprint ein schmerzhaftes Stechen in der Kniekehle“, sagt der 20-Jährige. Das Bein wurde in der Halbzeitpause bandagiert, sodass er anschließend voll bewegungsfähig wieder ins Geschehen eingriff. Bis bei einer Bewegung mit folgender Gegenbewegung das Knie erneut zu schmerzen begann. „Auf dem Video vom Spiel ist zu sehen, wie ich das Knie leicht verdrehe“, sagt Budelmann – spätestens jetzt war das Kreuzband hinüber. Er habe im ersten Augenblick keinen Gedanken an eine schwere Verletzung gehabt. Und erst recht nicht daran, dass seine hohen sportlichen Ziele möglicherweise in Gefahr geraten könnten.

Inzwischen ist Bjarne Budelmann erfolgreich operiert worden. Weil Habenhausens Mannschaftsarzt Matthias Muschol einen guten Draht zu Professor Thore Zantop in Straubing hat, nahm der Kniespezialist den Bremer am 21. Oktober unters Messer. „Mittwoch Vorgespräch, Donnerstag OP und Freitag nach Hause – so schnell ging das“, sagt Budelmann und freut sich, dass alles gut verlaufen ist. An die Stelle der Trauer über den ersten tiefen Einschnitt in seine Karriere ist erkennbar die Zuversicht getreten, dass am Ende alles besser sein könnte als zuvor. „Ich kann und will mich nicht lange mit schlechten Gedanken aufhalten“, sagt der Sportler. Mit der Beuge-und-streck-Maschine zu Hause, wöchentlich dreimaliger Lymphdrainage und Krankengymnastik arbeitet er schon jetzt intensiv an seinem Comeback – immer das Ziel vor Augen, irgendwann in der ersten Bundesliga auflaufen zu wollen. „Ich sehe meine Verletzung jetzt auch als Chance, stärker zurückzukommen, weil ich mich in Ruhe auf meinen Körper konzentrieren kann.“

Der Traum vom THW Kiel und Einsätzen in der Nationalmannschaft scheint den jungen Bremer zu beflügeln. „Wenn ich das Ziel nicht hätte, könnte ich gleich einpacken“, sagt er und lacht wieder ganz unbeschwert. Ohne Ziel kein Erfolg. Was es am Ende wird, werde sich zeigen. Ebenso, ob er nach seiner Rückkehr in die Halle, vermutlich erst im Juni oder Juli 2022, weiter in Habenhausen oder woanders spielt. 

Mindestens bis zum Sommer 2022, aber mit Option für ein weiteres Jahr, haben sich die ATSV-Verantwortlichen die Dienste des derzeit wohl größten Bremer Talents gesichert. Bjarne Budelmann fühlt sich wohl im Verein, will einen Wechsel aber auch nicht ausschließen. Die Aussage, dass sein Berater weiter den Markt sondiere, ist jedenfalls keine Drohung. Die Habenhauser selbst betonten nach Budelmanns Verpflichtung, dass der damals gerade 19-Jährige das Potenzial habe, um höher als in der 3. Liga zu spielen.

Zur Sache

Lemke, Schluroff – und Budelmann?

Von Bremen in die Handball-Bundesliga: Dass das keine Utopie sein muss, bewies als prominentestes Beispiel vor zehn Jahren der inzwischen zum Nationalspieler und Europameister aufgestiegene Finn Lemke von der HSG Schwanewede/Neuenkirchen. 2019 verließ Miro Schluroff den HC Bremen in Richtung Füchse Berlin. Seit Januar dieses Jahres spielt der Rechtshänder in der Bundesliga für GWD Minden. Ein Jahr waren der linke Rückraumangreifer Miro Schluroff (Jahrgang 2000) und der Mittelmann Bjarne Budelmann (Jahrgang 2001) in der Bundesliga-A-Jugend des HC Bremen Mannschaftskameraden. Vielleicht werden sie es eines Tages in der Bundesliga wieder sein.

Spielbericht aus dem Weser Kurier

Veröffentlicht im Weser Kurier am 16.November.2021. Geschrieben von Jörg Niemeyer.